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10. März 2017

Aus dem Fall Shirin David kann man eine Menge lernen. Zum Beispiel, warum schon der leiseste Zusammenhang mit Homophobie Gift für die Vermarktbarkeit von YouTube-Stars ist und warum deswegen die Gegenwehr teils sehr heftig ausfällt. Ein Kommentar von Matthias Bannert.

„Broadcast Yourself“ war einst der Slogan von YouTube. Aus vielen privaten Videokreativen sind inzwischen Social Influencer und aus dem Hochladen von Videos ein knallhartes Geschäftsmodell geworden. Wenn dieses Geschäft gefährdet wird, bekommt man ziemlich schnell heftigen Gegenwind zu spüren…

Etliche Creators leben nämlich vor allem durch Kooperationen mit Marken – wie auch Agenturen wie b00st.me. Sie bekommen Geld für die Platzierung von Produkten in Videos, für Werbung oder für klassische Testimonial-Auftritte. Die Voraussetzung dafür ist ein makelloses Image und eine hohe Glaubwürdigkeit in der Zielgruppe der Marke.

Doch genau dieses makellose Image hat bei einigen Influencern Risse bekommen – und damit auch das Geschäftsmodell.

Der Fall Shirin David und Mert Eksi

In der vergangenen Woche dominierte ein Thema YouTube-Deutschland: Shirin David machte zusammen mit Mert Eksi („It’s Mert TV“) ein gemeinsames Video, eine banale Nutella-Challenge. Doch so harmlos war das Video dann doch nicht. Während David durch ihre Jurymitgliedschaft bei „Deutschland sucht den Superstar“ den Sprung ins „Erwachsenen-TV“ geschafft hat, ist Eksi für seine offene Homophobie bekannt.

Fans und andere YouTuber, wie beispielsweise Serg Darling, machten ihrem Ärger Luft. Konfrontiert mit dem Vorwurf, Shirin würde durch ihre Video-Kooperation Mert samt seiner homophoben Äußerungen unterstützen, reagierte sie umgehend: Per Tweet stellte sie klar, sie habe nichts gegen Homosexuelle und die Videos verschwanden von Shirins und Merts YouTube-Kanal.

Hässliche Homophobie-Anhaftung

Doch das eigentlich Interessante ist ein ganz anderer Schauplatz. Das Löschen der Videos reicht ja nicht, um die Marke Shirin David vom hässlichen Zusammenhang mit Homophobie zu befreien. Offenbar versuchte jemand, sämtliche Spuren zu vernichten. Der Klarstellungs-Tweet verschwand einige Zeit später und einige der YouTuber, die sich kritisch zu Shirin geäußert haben, bekamen unterschriftsfertige Unterlassungserklärungen zugestellt.

Anders gesagt: Nein, ich habe nichts gegen Schwule, aber bitte bring mich nicht in die geschäftsschädigende Nähe des Vorwurfs Homophobie.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Bei einem so sensiblen Thema tritt jemand (wenn auch möglicherweise unbeabsichtigt) anderen auf die Füße und fast selbstverständlich, als wäre es das Normalste von der Welt, kommt man dann mit der Aufforderung um die Ecke, man möge doch die Kritik dazu löschen. Diese Attitüde ist übrigens auch weiteren YouTubern zu eigen, wie ich in den letzten Tagen erfahren habe.

Nicht vermarktbar

YouTube-Kollege, pardon Ex-Kollege, Mert Eksi hat übrigens in einem inzwischen entfernten „Statement“-Video selbst festgestellt, nicht mehr „vermarktbar“ zu sein. Er wolle sich stattdessen auf seine Rap-Musik konzentrieren. Dumm nur, dass sein für Vermarktung und Musikproduktion zuständiges Netzwerk Divimove ihm unmittelbar nach diesem Video den Laufpass gab.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Entscheidung, die Zusammenarbeit mit Mert Eksi aufzulösen in erster Linie nicht mit der abhanden gekommenen Vermarktbarkeit, sondern mit den Unternehmenswerten zusammenhängt:

Dieses als auch weitere Videos sind in ihrem Inhalt und ihrer Sprache weit entfernt von dem, wofür Divimove steht – Respekt, Toleranz und Gleichheit.

Fazit: Aus Angst um die Vermarktbarkeit der eigenen Inhalte tuen sich etliche YouTuber schwer, eine glasklare Haltung zu beziehen. Man könnte ja die eine oder andere Seite verärgern und das, obwohl es beim Thema Homophobie eigentlich nur eine mit unseren gesellschaftlichen Werten vereinbare Einstellung gibt. Oft – und nicht nur bei Shirin – verschwinden publizierte Statements einfach so aus dem Netz. In dieser Hinsicht (und nur in dieser Hinsicht) ist Mert Eksi seinen Kollegen sogar ein Stück voraus.

Wir Vermarkter und Unternehmen tragen ebenfalls eine gesellschaftliche Verantwortung: Eigentlich sollte klar sein, dass sich YouTuber, die nicht auf den Boden der Demokratie stehen und unsere Werte teilen, sich nicht für Markenkooperationen eignen. Ich jedenfalls käme nicht auf die Idee, ein Produkt jemanden präsentieren zu lassen, der homophob ist oder gegen Minderheiten hetzt. Das gilt übrigens auch für solche, die selbst auf Nachfrage zu diesem Thema schweigen.

Matthias Bannert ist Gründer und CEO von b00st.me

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